Schon millionenfach ist beschrieben, wie wichtig eine Auszeit aus Hektik, Stress und Lärm der Stadt ist. Fast nirgendwo spüre ich den Kontrast so deutlich wie bei einer Reise ins Wendland. In die Elbtalaue unter dem Höhbeck. An der ehemals deutsch-deutschen Demarkationslinie. Heute ein Stück Natur zwischen Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, das nur eine Chance hat, weil außer ein paar Touristen die Menschen kein Interesse daran zeigen (Acht Kilometer entfernt liegt Gorleben – dort sieht die Sache bekanntermaßen schon anders aus). Vermutlich ist es hier auch nicht schöner als an anderen naturnahen Orten irgendwo in Sachsen, Bayern oder Hessen.
Was für mich diesen Ort dennoch so besonders macht, ist vor allem der schnelle Kontrast: Mit dem Auto gerade einmal etwas über eine Stunde von der Stadt entfernt, in der ich arbeite und deren Rhythmus und Dreck ich so oft so sehr verachte – weil sie langweiliger und dumpfer sind als in Berlin, der Rhythmus schleppend und der Dreck eben nur Dreck ist -, bin ich dort. Lade meine Taschen in dem Gasthof, in dem ich immer übernachte, ab. Schon von meinem Zimmerfenster aus kann ich die Wiesen an der Elbe sehen und die wilden Schreie der Kraniche hören. Hier gibt es kein Unterhaltungsprogramm. Und es macht auch keinen Sinn, Bücher oder Zeitungen mitzunehmen, um sie abzuarbeiten. Die Kürze des Wochenendes gebietet es, sich auf die Natur, die Stille und Ruhe - auf das reichhaltige Nichts - zu konzentrieren.
Als erstes und im Wesentlichen geht es zu Fuß durch die Wiesen an die Elbe. Nach der Hitze der letzten Tage und Wochen ist die fast herbstliche Kühle sehr angenehm. Der kräftige Wind kommt direkt von der See, riecht nach Salz und treibt Wolken vorbei, die die Kraft der Sonne zumindest teilweise mit dem Schatten, den sie spenden, ausgleichen. Begleitet vom Schrei der Kraniche, von akrobatischen Schwalben, tischtennisballesquen Spatzen und Störchen, die die Wiesen auf der Suche nach fetten Fröschen für ihre Brut durchschreiten, erreiche ich (zum ersten Mal seit Jahren wieder barfuss) den Elbdeich.
Kühen, Katzen, Schmetterlingen und Libellen (den heimlichen Gewinnerinnen des Klimawandels) bin ich dabei ebenso egal wie mir selbst. Ich habe nur noch Augen für die Sommerblumen, das Wasser der Elbe, das bei diesen Windverhältnissen kleine Schaumkronen trägt und das Wechselspiel von Sonne und Wolken. Meine Füße, die das Barfüßige nicht mehr gewohnt sind, kribbeln in freudiger Durchblutung. And so does my brain. Und dann werden Kleinigkeiten ganz groß und alles, was mir im Alltag auf der Seele liegt, wird zumindest ein bisschen kleiner. Manchmal denke ich für dreißig Minuten oder etwas länger sogar nicht an die Arbeit. Am Abend gibt es köstliches Hövels und Gemüse und Fleisch hier aus der Gegend. Danach einen Aquavit. Und danach geht es früh ins Bett. Schlaf der letzten Wochen nachholen. Und hier kehre ich dann schon wieder ein Stück zurück in die Zivilisation. Liege wach. Schreibe im Geiste an nichtigen Kleinigkeiten, die ich in der nächsten Woche so dringend brauche und von denen ich nicht weiß, wie ich sie ohne das nächtliche Grübeln zustande bringen soll. Keine Zeit für Muße. Das Wochenende reicht zu Vielem, dazu jedoch nicht. Stumpfes Abarbeiten stumpfer Pflichten. In der Nacht stehe ich ein ums andere Mal minutenlang am Fenster. Direkt davor hängt der fette gelbe Vollmond, wie eine alternde Hure liederlich bedeckt mit schwarzen Wolkenfetzen, gibt den Blick auf die Wiesen und den Wald auf die Elbe nicht frei, versperrt ihn aber auch nicht. Spendet Pseudo-Licht in meinem Pseudo-Leben. Und sorgt dafür, dass ich froh bin, wenn endlich die Sonne aufgeht und die Rückreise in die Stadt mir gnädig ein Ende dieser unerträglichen Freiheit verheißt.